Drei Kurztexte aus dem Jahr 2016:
Am Meer. Wo die Kraft an Land zu liegen kommt und die Menschen ihre Wünsche weit hinaus tragen. Ist jeder willkommen. Ein riesiger Raum der mit Gedanken gefüllt werden kann. Ein Fass mit Boden durch das alles fällt. Ein Rachen mit Schlund den man nie erreicht, von dem es her weht. Dort wo die Winde entstehen, ohne Ort, immer weit weg und stets nicht da wo man ist. So einladend zu großen Taten, das Meer. So leicht spielt es mit uns’rer kindlich gebliebenen Fantasie und lässt uns glauben dass alles Möglich ist. Doch was da angespühlt wird ist der Überrest einer langen Zeit. Nichts was das Meer nicht schon gesehen hat können wir ihm zeigen. Die Palette der Geräusche und Bewegungen ist voll. Von uns nur neu gedacht. Wir spielen auf dem Instrument Meer ein Lied das es uns gelehrt hat und das es sich zuvor selbst beibringen musste. Auch das Meer musste erst zum Meer werden.
Ordnung schaffen. Dinge von einer Seite auf die andere Seite bewegen. In der Mitte stehen und Überblick bekommen. Abgeschlossenes zum Abgeschlossenen tun, welches sich unter dem Begonnenen, Unfertigen zu befinden hat, oder daneben. Graubereiche feststellen und zu Schwarz oder Weiß werden lassen. Dabei sich nicht zu lange aufhalten. Der Weg muss effizient sein und sich oft verzweigen. Alle Dinge müssen erreichbar sein, in gleicher Zeit. In Gedanken beruhigende Räume schaffen. Chaotische Zustände in die Ecken treiben. Dort halten, im Auge behalten. Am besten Listen machen von den Stellen die die Ordnung bedrohen könnten. Karten anfertigen und sich von ihrer Symmetrie überzeugen. Danach strukturiert nacharbeiten. Kisten wieder öffnen und Dinge umräumen. Optimieren und Wege weiter verzweigen. Dabei darauf achten dass keine Räume entstehen die Grau zulassen. Dort nistet die Unordnung. Größenordnungen sind generell hilfreich. Immer von groß nach klein, von schwer nach leicht ordnen, oder umgekehrt. Keine zu weiten Abstufungen wählen. Bei Bedarf neue Kategorien definieren. Auf der Karte verzeichnen. Diese nie falten und auf eine saubere, weiße Wand hängen. In Raummitte einen Kreis ziehen, sich hineinsetzen und noch einmal alles in Gedanken durchspielen, von Anfang bis Ende. Sobald alles perfekt ist nur mehr auf die Ecken achten.
Die Berge. Haben ihre Gestalt geändert und sind in weite Ferne gerückt. Nur einen Moment hab ich meine Augen von ihnen gewendet. Nun lieb ich sie nicht mehr so sehr.
Die Wolken stehen starr vor ihnen und die satten grünen Waldzungen verschwinden rasch in regenschweren grauen Bäuchen. Es ist nach oben unwegsam geworden.
Wasser dringt aus einer unsichtbaren Quelle und unter meinen Schuhen hervor. Mit meinem Stock könnt ich die Ranken und die Dornen leicht zerdreschen, doch lass ich sie gewähren.
Ich bin ein Feind hier, denn alles wirkt bedrohlich.
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Wenn die Nacht über einem hereingebrochen ist
Wenn die Nacht über einem hereingebrochen ist, die dunkelbläulich schimmernden Fensterscheiben die dahinter liegende Ruhe nicht mehr verbergen kann, die Menschheit sich verkrochen hat in ihren schützenden Herbergen, die Stille hörbar und das an sich Offensichtliche unsichtbar geworden ist, dann fängt der eine oder andere etwas feinfühlige Mensch an in sich hineinzuhören und seine eigene Stellung in dieser Welt zu erwägen.
Er ist allein, und das einzige was er weiß ist dass er schlafen muss um seinen Körper auf den nächsten Tag vorzubereiten. Vielleicht, wenn es noch dazu ein bedachter Mensch ist, weiß er sogar was er an diesem nächsten Tag alles zu Wege bringen wird, was seine Ziele sind und welche Mittel er dazu brauchen wird.
Ausgerüstet mit den Werkzeugen des alltäglichen Denkens liegt er nun da in seinem weichen, warmen Bett und bemerkt urplötzlich diese aufdringliche Finsternis, welche sich bereits im ganzen Zimmer breit gemacht hat, seine Augen daran hindernd die gewohnten Dinge zu erkennen, sie förmlich zu blenden als wäre alles Gesehene bis dahin nur Hirngespinst gewesen, aufrecht erhalten nur durch den erinnernden Charakter unseres Verstandes. Dann fällt der Vorhang auf die Welt, die Menschen gehen, der Rest ist Dunkelheit und Schweigen. Bis zum nächsten Tag.
So ist der Zyklus der uns vorgegeben ist, einmal am Tag, und wollen wir noch so gewaltsam in ihn vorgestoßen sein, im Versuch ihn auszusaugen, auszupressen, alles erdenkliche Glück für uns aus ihm heraus zu holen, ihn zu erstürmen, zu unterwerfen, zu versklaven, zu verstoßen oder zu zerstören, einmal am Tag kommt der Moment an dem sich die Geister um uns zu scharen beginnen um uns in die Knie zu zwingen, um uns zu umklammern und uns zu ersticken drohen mit der Erkenntnis dass wir allein sind.
Das nimmt uns niemand ab. Mögen wir uns noch so sehr an einen geliebten Menschen schmiegen im Versuch uns mit ihm zu vereinen. Die Distanz zu uns selbst wächst mit zunehmender Nähe zu dem anderen, vermeintlich hochgeliebten Wesen, denn es lässt uns unsere eigene Vergänglichkeit vergessen. Die wir allein tragen. Die nimmt uns niemand ab. Die werden wir nie überwinden. Mögen wir noch sehr in den Tag vorgestoßen sein. Mögen wir alles erdenkliche Glück aus ihm herausgeholt haben.
Zieh alles von mir ab was mich, mein Wesen ausmacht.
Etwas von mir, und sei es ein Hauch, wird noch da sein.
Von dir aber nichts mehr.
So sehr es traurig ist vermag es auch zu trösten, denn auch am Grund, als Hauch, kann ich existieren und wieder emporwachsen aus nichts als aus mir selbst und wenn ich gehe, dann gehe ich und niemand sonst.
– Begonnen 2006 / erweitert 2015
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